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Nura: Trojanische Hengstin

Aktualisiert: 25. Okt. 2021


Das Bild zeigt Rapperin Nura in einem schwarzen Mantel. Sie hat Blond geflochtene Haare und steht vor rotem Hintergrund

Wenn die Frauen in diesem modrigen Gebilde namens Deutschrap jetzt dann die Herrschaft übernommen haben, wird Nura Innenministerin.

Es geht damit los, dass die Fotze wieder da ist, und wer nun sagt, dass man sich so ein Vokabular ja wohl besser für sehr private Keller-Unterhaltungen mit dem Unter-Ich aufsparen sollte, hat selbstverständlich recht, aber das hilft hier nichts. Wir müssen jetzt leider noch mal sehr stark sein. Wir, die Männer, in unserem Selbstverständnis als alleinige Verwalter alles Grobschlächtigen und Ungehobelten. Wir, die Deutschen, Bildungsbürgerinnen, Bedenkenträger, Sozialpädagogen, PCBeauftragte, Sprachpäpstinnen, Tugendwächter, Jugendschützerinnen, Voll-Proleten, Sensibelchen, Leitartiklerinnen, Springer-Kommentatoren, Drogenbeauftragten, Twitter-Hater. Wir alle müssen da jetzt durch. Es muss wehtun, bevor es, vielleicht, besser werden kann.

Nuras zweites Solo-Album also, erstes Lied, erste Zeile: "Jetzt ist die Fotze wieder da!" Eine Art- Songtitel-Triptychon zum Thema übrigens, das nun vollendet ist. Die ersten beiden Teile stammen noch von den Karriereanfängen mit dem Duo SXTN. Dazu gleich mehr. Vorher aber den Einstieg geschwind vollendet, ab hier paraphrasiert: Gewaltandrohungen gegen andere Rapper, eine ganz herrlich selbstbewusste Art von Penisneid und schließlich die, trotz Mangels desselben, prognostizierte Penetration einer nicht näher spezifizierten Mutter. 23 Sekunden ist das Album bis dahin alt.

Warum nicht Nura mal als role model für frühentwickelte Teenager und spätentwickelte junge Frauen ins Spiel bringen?

Großes Krawalltennis also. Hochverdichtet, und darin freilich nicht mehr neu. Es wird langsam womöglich sogar etwas fad, Nuras Raps vor allem als Selbstermächtigungs-Lyrik in einer misogynen Welt zu interpretieren. Sie deutet die männlichen Frauenhass-Posen im Hip-Hop (und der Politik und der Wirtschaft und der restlichen Gesellschaft) ja jetzt schon seit ein paar Jahren zu etwas um, das man vielleicht am treffendsten als weiblichen Hyper-Chauvinismus beschreiben könnte. Als Brachial-Prosa, die die täglichen Herabwürdigungen von Frauen nimmt, zur vollen

Fratzenhaftigkeit aufbläht und dann mit ganz feiner Brutalität zurückschleudert.


Man höre auf ihrem neuen Album "Auf der Suche" (Universal) stellvertretend etwa "Backstage". Ein recht explizites Cunnilingus-Sample der Rapperin Khia, ein sehr tiefhängender, ganz souverän reduzierter Beat und darüber: "I'm sorry Mama, doch dein Junge ist ne Hoe!" Und dann: "Er ist gut gebaut, so wie meine Joints / Die Mädels woll'n noch Spaß, also hol mal noch 'nen Freund / Davon hast du doch geträumt / aber tut mir leid, Kleiner / Heut' Nacht kein Sex für dich im Nightliner" (um

mal die jugendfreiesten Passagen zu zitieren).


Als der Spiegel vor einem guten Jahr in einer groß angelegten

Datenanalyse in Deutschrap-Texten nachzählte, stellte man fest, dass niemand im Schnitt mehr sexistische Begriffe benutzt als Nuras ehemalige Band SXTN. Kein Kollegah. Kein Bra. Kein Bushindyonezuzflerateandi. SXTN. Zwei Frauen, vier Konsonanten, 7,6 sexistische Begriffe pro Song. Und jede Menge Herrschaftsanspruch.


Bisschen Prinzip Trojanisches Pferd. In einem Genre, das mangels frischer Ideen gerade mit ganz breitem Manspread weiter und weiter in die künstlerische Bedeutungslosigkeit stapft, ist es ja noch immer ein mächtiger künstlerischer Gewaltakt, die größten Stumpfheiten zu etwas umzuwidmen, das man der zwölfjährigen Tochter zwar wohl nicht supergern proaktiv vorspielen wird, bei dem man sich aber womöglich trotzdem eher freuen könnte, wenn sie es denn selbst entdeckt. Ja, doch:

Warum nicht Nura mal als role model für frühentwickelte Teenager und spätentwickelte junge Frauen ins Spiel bringen? Und sei es nur probehalber.

Das Trojaner-Prinzip geht im Verlauf des Albums zumindest ganz entspannt weiter. Das allerderbste Suff-, Pillen- und Sex-Gepöbel erscheint immer weniger wie eine Selbstbehauptungspose, und

immer mehr wie ein Türöffner. Einlass in die Kifferstuben, um dort dann, vorsichtig, zart, langsam, man darf da ja niemanden mit zu ungestümen Impulsen überstimulieren, an den pelzigen Gehirnen herumzufummeln. Wenn man so will: rapgewordenen Realpolitik.


Es gibt also ein bisschen Rollenprosa aus der Stripperinnen-Perspektive und ein paar ziemlich private Zeilen über das lange angespannte Verhältnis zur strengen Mutter. Ein bisschen Nazi- Bashing hier, ein paar Zeilen über Integration dort. Gefährliches Terrain, wenn man vom Party- und Battle-Rap kommt, klar. Zu Bedenkenschwere lässt sich nur schwer vergnügt herumhüpfen.


"Dicka, schaff ich's in dein Land, dann schaff ich's auch in dein' Club"

Allerdings ist da auch noch relativ viel Wumms dank Unmittelbarkeit. Nura weiß nun mal sehr genau, worüber sie spricht. Ihre Familie lebte einige Zeit in einem Asylheim. Die Mutter hatte phasenweise drei Jobs auf einmal. Weil telefonieren trotzdem zu teuer war, sprachen sie den

Verwandten Nachrichten auf Kassetten und verschickten die per Post. Ihre Aufenthaltsgenehmigung musste die Familie immer wieder erneuern. Heute besitzt Nura das, was das Bürokratiemonster Migration eine unbefristete Niederlassungserlaubnis nennt. Im Song "Niemals Stress mit Bullen" bellt sie einem Türsteher entgegen: "Dicka, schaff ich's in dein Land, dann schaff ich's auch in dein' Club". Was für einen Schub so eine Zeile mit einer echten Geschichte im Kreuz bekommt.

Anders gesagt: Wenn die Frauen in diesem modrigen Gebilde namens Deutschrap jetzt dann die Herrschaft übernommen haben, wird Nura, nein, wohl nicht Bundeskanzlerin. Das macht, nach allem, was sich so abzeichnet, Shirin David. Aber vermutlich: Innenministerin. Mindestens.


Quelle: Jakob Biazza für sueddeutsche.de
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